Johan Renck Teil I: The Knife, Madonna und andere Märchen

geposted von clemens
13.12.2009 17:17
"We thought that if we dressed up like the music, we could put the music more in focus, and I think that was the starting point." Olof Dreijer von The Knife über die Idee, die Präsenz des Künstlers mit seiner Musik zu verschmelzen.
Pass this on, Video Fantastique!

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Begonnen sei dieser zweiteilige Blick auf einen wichtigen Mann zeitgenössischer Musikvideokunst mit seinem vielleicht wegweisendsten Werk:
Das schwedische Geschwisterduo The Knife hat im Jahr 2003 selber die Ausgangsidee zu dem Musikvideo Pass This On, die ihr regieführender Landsmann Johan Renck so subtil umzusetzen weiß, dass eines der besten Musikvideos des letzten Jahrzehnts entsteht.

Eine attraktive Dame singt aufreizend-lasziv auf melancholische Steeldrums und elektronische Beats - nicht in einem Club, sondern in dem aggressiven Umfeld einer morbide ausgestatteten Clubhütte; Durch die unsteten Kamerabewegungen meint man selbst ein Gast unter den abweisend Blickenden zu sein, in deren Gesichtern die Spannung zwischen Sängerin und Zuhörer eingraviert scheint. Doch einer kann den offensichtlichen Reizen und auffordernden Blicken der blonden Sängerin nicht widerstehen. Er läuft auf sie zu, beginnt zu tanzen, wie elektrisiert stets den direkten Augenkontakt haltend. Die Stimmung kippt. Auf einmal stehen auch andere Zuschauer auf, tanzen miteinander. Selbst der zunächst skeptisch dreinblickende kahlrasierte Freund des ersten Tänzers setzt zu einer Art Deathdance in Richtung Tanzfläche an; Musik als Liebeserklärung und gleichsam Mittel zur Völkerverständigung.

Wieso aber bleibt eine Frau anscheinend entgegen des Videokonzepts unter den Zuhörern sitzen? Eine Frau, auf deren verstört-zornigen Blick die Kamera verharrt, bis schließlich die letzten Akkorde verklingen. Mit dem Kopf bei dieser Frage und den Ohren beim Songtext, nähert man sich langsam dem recht genialen Kern des Videos. Manch ein besonders männlicher Zeitgenosse, der sich für ein paar Minuten in die "geile Sängerin" verliebt hat, versteckt sich jetzt peinlich berührt hinter Fußballzitaten: Nicht Karin Dreijer Andersson als leadsingende Hälfte von The Knife räkelt sich nämlich am Mikrofonständer! Es handelt sich um den Schweden Rickard Engfors, hier verkleidet als Drag Queen.

„I’m in love with your brother“, singt Rickard playback und macht mit seinem Blick auf Olof Dreijer deutlich, welchen Bruder er meint; Jenen tanzenden Pionier unter den Zuschauern, der ihre/seine Liebe erwidert. Karin akzeptiert die flirtende Beziehung der beiden anscheinend nicht, es ist ihr Gesicht, mit dem das Video endet. Die beiden Mitglieder von The Knife – das völlig antimediale Geschwisterduo, das bis 2006 (also bis lange nach Pass This On) keine Konzerte gab, sich dann in Liveshows nur verkleidet und hinter einer Leinwand versteckt präsentierte – zeigt sich hier ganz ohne Masken. Ihre Musik soll nicht hinter ihrer Präsenz verschwinden, sagen sie. Durch die Videodarstellung verschmilzt eigene Präsenz mit ihrer Musik bzw. dem Songtext. Das finden nicht nur Die Sterne gut und kupfern ab.


  Landsfrau Robyn und Johan Renck himself

Johan Rencks Independent-Regiemeisterstück festigte seine weltweite Beachtung. Und das obwohl während Pass This On - wie bei genauem Hinschauen ersichtlich wird - der Cast wechselt. Renck durfte seinem Portfolio bereits Kooperationen mit Größen wie Madonna, den Libertines oder New Order hinzufügen. Für Nike drehte er Werbung, für H&M, für Levis und natürtlich für Ikea. Seine Fotos erschienen in der Vogue und bewarben Diesel. Genug Gründe, einem mit zuviel Talent bedachtem Menschen noch näher auf die Pelle zu rücken. Im zweiten Teil gibt es mehr über diesen Stockholmer, seinen ersten Film und seine eigene Musik.

Kommentare

04.07.2010 16:07
Clemens
Komme leider erst jetzt dazu, dir zu antworten. Tatsächlich ist der Artikel so geschrieben. Bezug genommen wird mit "geile Sängerin" (zugegeben: leicht versteckt) auf Kommentare der Youtube-User. Folge mal dem Video: da würde auch heute noch die Aufklärung manchem gut tun. Von vornherein klar ist es also nicht zwangsläufig - vielleicht hat man eine gewisse Ahnung.
07.05.2010 20:10
Schulz
Der Artikel ist so geschrieben, als ob nicht von vornherein klar wäre, dass es sich bei der "attraktiven Dame" um einen Typen handelt. Ist es aber.

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